30 Dezember 2012

Amanda Todd - Mobbing - Meine Erfahrungen damit (21.10.2012)

Hallo ihr Lieben!
Heute kommt ein sehr persönlicher Eintrag.

Sicher haben viele von euch in den Nachrichten, auf Facebook oder sonst wo von der Geschichte Amanda Todds gehört.
Mich persönlich hat ihre Geschichte sehr mitgenommen und auch alte, verdrängte Wunden wieder aufgerissen.
Heute möchte ich euch meine Geschichte und meine Erfahrungen mit Mobbing erzählen.


Zum ersten Mal gemobbt wurde ich, als ich in der 2. Klasse die Schule wechseln musste. Ein Mädchen hatte mich vom ersten Tag an auf dem Kieker.
Resultat war eine durchgetretene Tür in der Turnhalle. Das zugespachtelte Loch war in der 7. Klasse noch immer zu sehen.

Der nächste "Anschlag" kam in der 6. Klasse. Wir hatten über zwei Schüler gewitzelt und sie in "eindeutigen" Posen auf kleine Zettelchen gemalt.
Tja, am Ende soll ich das allein gewesen sein und die anderen hatten nur mitgemacht. Doch das haben sie sich nur so hingedreht, damit sie keinen Ärger kriegen.
Das Ergebnis für mich lag bei vier Wochen Aufenthalt in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie.
Der darauf folgende Schulwechsel war absehbar, ich wollte nicht länger mit solchen Möchtegern-Scheinheiligen in eine Klasse gehen.

Doch meine eigentlich Geschichte beginnt im Alter von 12 Jahren (Klasse 7). 
Das Alter, in dem man in eine neue Schule kommt, fremde Leute um sich herum hat usw. 
So eben auch bei mir. Ich freundete mich mit den "Coolen" aus meiner Klasse an und es hat nicht lange gedauert, bis ich anfing zu rauchen, zu klauen, Scheiße zu bauen. Erste Erfahrungen mit Alkohol haben auch nicht lange auf sich warten lassen.
Alles war toll, ich war happy dazuzugehören...

Dann fuhren wir auf Klassenfahrt und mein Leben änderte sich schlagartig.
Wir fuhren nach Stolberg in den Harz, zusammen mit drei anderen Klassen, für fünf Tage. Montag und Dienstag war die Welt noch in Ordnung. Doch dann kam Mittwoch und der Wind hat sich gedreht. Ich saß beim Frühstück allein, wusste gar nicht, was los ist. Die anderen saßen in ihrem Trupp beisammen, schauten mich schief von der Seite an und tuschelten.
Wir fuhren zum Kyffhäuser-Denkmal und als ich oben stand, schlotterten mir die Knie und von unten riefen sie zu mir hoch, warum ich denn nicht runterspringe.
Ich wusste überhaupt nicht, wie mir geschah und was ich falsch gemacht hatte.
Doch es wurde nur noch schlimmer...
Die anderen behaupteten, ich hätte mich total verändert und sie hätten Angst vor mir. Das war totaler Irrsinn, denn die anderen waren IMMER der treibende Keil.
Es kam, wie es kommen musste. Ich wurde schikaniert, angeschrien, beleidigt, geschubst. Total fertig mit den Nerven, flüchtete ich mich ins Nebenzimmer und heulte mir die Augen aus. Bis heute weiß ich nicht, warum ich zwei Scheren mit auf Klassenfahrt genommen hatte, doch es war der Fall und ich fing an mich zu ritzen.
Immer wieder kamen die anderen in den Raum und stichelten immer weiter. Ich wollte mir die Pulsadern aufschneiden. Damals wusste ich nicht, dass man längs schneiden muss. Irgendwann kam meine Klassenlehrerin ins Zimmer, nahm mir die Scheren ab und verschwand wieder.
Keine Frage, wie es mir geht, was los ist, nichts...
Sie hielt es nicht einmal für nötig, meine Eltern über den Vorfall zu informieren.
Ich mein, ich hätte tot sein können!

Ich vegetierte durch die Tage, bis es endlich nach Hause zurück ging. Die Busfahrt war ziemlich ätzend, man bespuckte mich, bewarf mich mit Chips usw...
Meine Eltern fragten mich, wie die Klassenfahrt war. Scheiße, sagte ich und verschwand in meinem Zimmer. Ich sprach nicht weiter darüber. Dann fing ich an, widerwillig zur Schule zu gehen, bis ich irgendwann gar nicht mehr auftauchte.
Nach ein paar Wochen meldete sich die Schule bei meiner Mutter und bat um ein Gespräch.
Meine Klassenlehrerin und die Schulleiterin sahen, dass ich mich geritzt hatte. Ich hatte die Wunden nicht verdeckt, sollte doch jeder sehen, dass es mir scheiße ging.
Das ganze Gespräch war so ziemlich fürn Arsch und ich ging mit meiner Mutter nach Hause und verfluchte die Schule.

Einmal quälte ich mich noch in die Schule... Das war dann das Aus für meine Schulkarriere.
Wir hatten Geschichte bei einem Lehrer mit null Durchsetzungsvermögen.
Ich saß komplett allein in der Mittelreihe. Hinter mir meine ehemaligen "Freunde". Es wurde auf meinen Tisch gespuckt, ich wurde bespuckt, dann wurde ich mit Spuckekugeln beworfen, doch als dann jemand aufstand und mir Wasser in den Nacken kippte, war der Ofen aus. Ich packte meine Sachen und verließ den Raum wortlos. Ein Mädchen rannte mir sogar noch hinterher, bespritzte mich weiterhin mit Wasser, doch ich lief und lief und sie blieb zurück.
Das war mein letzter Tag in der 7. Klasse an dieser Schule.
Ich ging nicht mehr hin, schwänzte, meine Mutter bekam vom Ordnungsamt Geldstrafen angedroht, doch das war mir egal, ich blieb zu Hause.
Zahlreiche Sitzungen beim Psychologen folgten, doch ich bin da nur aus Anstand zu meiner Mutter hingegangen, nicht um Hilfe zu bekommen. Mit reden kann man bei mir sowieso nichts bewirken, entweder Taten oder gar nichts.
Nach einem erneuten Suizid-Versuch und zahlreichen weiteren Schnitten, drohte man mir mit Zwangseinweisung und Kuraufenthalt. - Beides verlief im Sand...

Eine Weile war Ruhe gewesen, dann kam Telefonterror.
Ständig riefen sie bei mir daheim an, über R-Gespräche. Ich wusste damals nicht, dass man die selbst bezahlen muss, wenn man sie annimmt.
Sie haben mich aufs derbste beleidigt. "Knochencellulite" (weil ich so dünn war/bin) und "bist du schon tot?" sind nur zwei Beispiele...

In der 8. Klasse hatte sich nichts verändert.
Irgendwann folgte ein Schulwechsel. Ich fand dort kurzzeitig Leute, mit denen ich mich verstand. Aber das war auch nur von kurzer Dauer. So schwänzte ich wieder. Dann blieb ich sitzen, sollte die 8. Klasse nochmal machen, aber das war mir zu doof und so schwänzte ich wieder, diesmal ein ganzes Schuljahr.
In der Zeit lernte ich über eine Zeitungsanzeige im "Sonic Seducer" einen Jungen kennen, der später ein richtig guter Brieffreund für mich geworden war und der versuchte, mich immer wieder aufzumuntern. Der Kontakt verlief sich irgendwann..
Ich bin zum Soziophob geworden, konnte und wollte keinen Kontakt zu anderen Menschen, außer meiner Familie, aus Angst wieder so verletzt zu werden.
Vom Arbeitsamt bekam ich immer wieder Berufsvorbereitende Masnahmen aufgedrückt, bei denen aber meist nur Krankenscheine einflatterten.

Mit 16 hatte ich einen Freund, der mich dazu animiert hat, an der Volkshochschule meinen Abschluss zu machen. Ich hab mich dann dort beworben und wurde angenommen.

Kurz danach hatte ich einen neuen Freund, der brachte mich vom ritzen weg. 

Ich machte meinen 9. Klasse Abschluss und hatte Leute in meiner Klasse, mit denen ich mich sogar richtig gut verstand. (Die Klasse war am Ende nur noch 10-Mann stark)
In dem Jahr lernte ich auch meinen heutigen Freund kennen.
Meine Eltern hatten einige Schwierigkeiten mit sich und als mein Vater mich einmal ziemlich stark angefahren hat, hat mein Freund gesagt, dass er mich mit zu sich nimmt.
Ich wurde 18, das Schuljahresende näherte sich langsam, ich machte einen guten Abschluss und zog zu meinem Freund.
Er hatte mich in der Zwischenzeit an einer Volkshochschule in seiner Nähe angemeldet, wo ich nach meinem Umzug zu ihm meinen 10. Klasse Abschluss machte.
Dort war ich wieder völlig auf mich allein gestellt, hatte keinen Kontakt zu den Leuten aus meiner Klasse. Ich war Einzelgänger, aber ich arrangierte mich damit.
Meinen Abschluss habe ich mit sehr gut absolviert.

Nach einem gescheiterten Ausbildungsversuch habe ich 2011 das Fachabitur begonnen. Ich bin mit 22 Jahren die Klassenälteste und muss mir nun mehr keine Sorgen mehr um Mobbingversuche machen. Mit einem Mädchen aus meiner Klasse verstehe ich mich recht gut, sie ist auch nur ein Jahr jünger - mit dem Rest wechsle ich selten ein Wort.
Nach wie vor bin ich NICHT gern unter Menschen, es fällt mir sehr schwer, Vorträge vor der Klasse zu halten, aber ich bemühe mich weiterhin, stark zu bleiben.

Für mich war es ein steiniger Weg, abgekommen durch immer wiederkehrende Mobbing-Attacken, doch ich habe mich zurück auf den richtigen Weg gelenkt, dank der Menschen, die mir in meiner schwersten Zeit zur Seite standen.
Doch eins habe ich aus alledem gelernt: Ich werde mich fremden Menschen NIEMALS wieder "komplett" offenbaren. Es reicht, wenn man das Nötigste über mich weiß, doch sowas möchte ich nicht noch einmal erleben.

WEHRT EUCH GEGEN MOBBING-ATTACKEN!!!
SCHREITET EIN, WENN IHR GLAUBT, DASS ANDERE OPFER VON MOBBING SIND! 
EURE HILFE WIRD GEBRAUCHT, IHR KÖNNT MENSCHEN RETTEN!!!



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