20 Dezember 2013

Der kalte Blick des Todes

Hallo ihr da!

Weihnachten steht ja fast vor der Tür und ich hab überhaupt keine Lust drauf. Mittlerweile hat Weihnachten überhaupt nichts mehr mit Liebe und Besinnlichkeit zu tun, sondern ist zu einem kommerziellen Fest verkommen, bei dem so gut wie jeder in irgendwelche Läden rennt, um seinen "Liebsten" Geschenke zu kaufen. Warum? Weil der Mensch beeinflussbar ist.

Um euch die Weihnachtsstimmung zu vermiesen, erzähl ich euch heut von toten und halbtoten Menschen, die mich seither irgendwie immer verfolgen. Die Gedankenmaschine ist ein seltsames Gerät und schaltet solche Bilder immer dann, wenn man sie am wenigsten braucht. Grund genug, sie schriftlich festzuhalten.
Mit 20 Jahren hatte ich eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin (kurz: Krankenschwester) angefangen. In diesem Beruf ist es völlig normal, dass man Menschen kommen und gehen sieht. Gehen auf die verschiedensten Arten: gesund, Verlegung auf eine andere Station oder wohin auch immer oder eben im Sarg. Die Gründe sind vielfältig.

Meine erste Station in der Ausbildung war die Gastroenterologie. Also hatte ich Kontakt zu Patienten, die im Magen-Darm-Trakt erkrankt waren. Wie das Leben so spielt, gibt es immer Menschen, die einem lieber sind als andere, doch darf man sich das in diesem Job nicht anmerken lassen. Leider.

Meine erste Erfahrung mit dem Tod hatte ich bei einem älteren Mann. Ich war gerade dabei, die Tabletts vom Abendbrot einzusammeln. Als ich bei dem Mann ins Zimmer kam, blieb mir einen Moment die Luft weg. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich einen blauen Menschen gesehen. Im ersten Moment war ich so perplex, dass ich nicht wusste, was ich machen sollte. Er lag halbtot und schnappatmend auf seinem Bett und ich versuchte ihn anzusprechen - keine Reaktion. Ich sammelte das Brot auf, das er in seinem Bett verteilt hatte auf und flüchtete aus dem Zimmer. Schnell rannte ich zur Schwester, um ihr Bescheid zu geben. Sie nickte nur ab und ließ mich stehen. Eine halbe Stunde später war der Mann tot. 

Mein zweites Erlebnis mit einem Halbtoten war makaber. Die Schwester wollte den Mann mit mir zusammen waschen. Um mir nichts einzufangen, hab ich mir zwei Paar Handschuhe angezogen. Das schlimmste war, dass der Mann eigentlich schon in einer anderen Welt war. Der Blick war leer und völlig woanders. Doch als er mir beim Waschen in die Augen schaute, war ich nicht sicher, ob er mich wirklich sah. Irgendwie ging der Blick durch mich durch, aber blieb trotzdem starr. Irgendwie seltsam und unheimlich. 
Als ich das Mittag austeilen wollte, klopfte ich bei dem Mann an die Tür - der Sohn öffnete mir - und fragte, ob versuchen wolle, seinem Vater etwas zu essen zu geben. "Mein Vater is nich mehr." Ich entschuldigte mich und stellte das Tablett zurück in den Essenwagen. Das war seltsam, aber gut - ein Nazi weniger.

Mein letztes Erlebnis hatte ich auf einer Krebsstation. Eine ältere Frau wurde auf unsere Station verlegt und war ab der HWS gelähmt. Nach einigen Tagen kam die Stationsschwester bei der Morgenrunde zu mir und sagte mir, dass die Frau verstorben sei. Ich sollte helfen, sie zu waschen. Und tat dies auch. Nachdem die Frau vom Bestatter abgeholt wurde, sollte ich das Zimmer "aufräumen". Also Bett, Tisch und Schränke wischen. Die Stimmung in diesem Zimmer war unheimlich und erdrückend. Obwohl das Fenster offen war, hatte ich das Gefühl, dass die Seele sich noch immer in diesem Zimmer befand.

Im Probehalbjahr wurde ich entlassen. Ehrlich gesagt, bin ich sogar froh darüber. Ich hab mir den Rücken kaputt gemacht, wurde behandelt wie der letzte Arsch und die Bilder haben sich in meinen Kopf gebrannt. Ein Glück hatte ich nur diese drei Erlebnisse, vermutlich wäre ich in drei Jahren Ausbildung nervlich total down gewesen.

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