08 März 2015

Blogbattle #6 - Randgruppe

© daveant
Wenn man das Wort Randgruppe liest, denkt man zunächst an Außenseiter. Es gibt gewisse gesellschaftliche Normen, in die sich der Mensch als Individuum zu fügen hat, wenn er in eben dieser Gesellschaft akzeptiert werden will. Entspricht man allerdings nicht den gesellschaftlichen Normen, weil man beispielsweise einen außergewöhnlichen Kleidungsstil hat, wird man automatisch von der Gesellschaft als Außenseiter abgestempelt. Ich behaupte, dass jeder von uns irgendeiner Randgruppe angehört, es ist uns nur nicht bewusst.
Einleitend möchte ich hier mal die Bundeszentrale für politische Bildung zitieren:
"Als Randgruppen werden Menschen verstanden, die aufgrund diverser Benachteiligungen nicht am üblichen Leben der Gesellschaft teilnehmen können und deshalb 'außerhalb' der Gesellschaft leben müssen. Sie können durchaus auch 'unten' im Schichtungsgefüge stehen, sie müssen dies aber keineswegs. Ein körperlich behinderter Universitätsprofessor gehört einer Randgruppe an, nicht aber der Unterschicht."
Wikipedia sagt über Randgruppen folgendes:
"[...] Bezugspunkt für die Frage nach der 'Integration' kann dabei entweder die Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum (Eigentum und Einkommen) oder die Übereinstimmung in Bezug auf herrschende soziale Normen und Gesetze sein; auch Überschneidungen hinsichtlich dieser beiden Ausgangspunkte sind möglich."

Grundsätzlich könnte man also erst einmal sagen: Es ist egal, ob reich oder arm - jeder kann einer Randgruppe angehören. Zu den finanziellen Aspekten kommen aber noch die (gesellschaftlich) sozialen Normen hinzu. Das ist mir aber viel zu pragmatisch, ich möchte das lieber anhand eines Beispiels verdeutlichen. Stellen wir uns jetzt einmal zwei völlig unterschiedliche Menschen vor, die auf den ersten Blick überhaupt nichts gemein haben.

Unser erster Mensch kommt aus einem wohlbehüteten Elternhaus, hat Abitur und Studium mit Bestnoten absolviert und war stets beliebt. Er ist im Besitz eines sehr gut laufenden Architekturbüros, lebt in einer hübschen Villa, ist mit einer klugen, hübschen und ebenfalls erfolgreichen Frau verheiratet und hat zwei Kinder. Und er sitzt aufgrund einer körperlichen Behinderung im Rollstuhl und ist stets auf Hilfe angewiesen. Schön und gut, klingt jetzt erstmal nicht sonderlich spannend. Ist halt einer aus der Oberschicht, der Glück hatte.

Deswegen kommen wir nun zu unserem zweiten Menschen. Er hatte einmal einen guten Job in einem Handwerksbetrieb, war verheiratet und hatte drei Kinder - typisch Mittelschicht, könnte man sagen. Gern trank er abends seine paar Biere, um den Tag ausklingen zu lassen. Doch irgendwann reichten die paar Biere nicht mehr aus und er fing an, während der Arbeit zu trinken. Das kostete ihn seinen Job. Da er keine neue Arbeit fand, saß er nun den ganzen Tag vor dem Fernseher und trank sein Bier. Seine Frau ertrug diesen Zustand auf Dauer nicht mehr und setzte ihn vor die Tür. Bei Freunden konnte er nicht unterkommen, denn die hatten sich schon früher wegen seines erhöhten Alkoholkonsums von ihm abgewandt. Seitdem sitzt unser Mensch auf der Straße und kämpft um sein Überleben. Er erhofft sich durch betteln wenigstens das Geld für einen Kaffee und ein Brötchen zusammen zu bekommen, um nicht hungern zu müssen. Das Trinken hat er aufgegeben.

Wie wir vorhin schon angemerkt hatten, haben diese beiden Menschen keine Gemeinsamkeiten vorzuweisen. Sie stammen aus unterschiedlichen Schichten, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Doch erinnern wir uns nun an das Zitat der Bundeszentrale für politsche Bildung: "[...] Ein körperlich behinderter Universitätsprofessor gehört einer Randgruppe an, nicht aber der Unterschicht." 
Das heißt im Umkehrschluss, dass unsere beiden Menschen einer Randgruppe angehören. Unser Architekt kann aufgrund seiner körperlichen Behinderung nicht das Leben der "normalen" Gesellschaft führen und unserem Obdachlosen fehlen die finanziellen Mittel und die soziale Anerkennung, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Und mit dieser Schlussfolgerung kommen wir zum eigentlichen Knackpunkt: Die Gesellschaft ist Schuld daran, dass es überhaupt Randgruppen gibt. Wir werden in diese Welt hineingeboren und uns werden bestimmte Werte von unseren Eltern vermittelt, die uns das Leben leichter machen sollen. Dass wir damit aber den Betroffenen - die wir, aufgrund der uns vermittelten Werte, meiden - das Leben schwerer machen, als es ohnehin schon ist, können wir in unserem Scheuklappen-Dasein einfach nicht realisieren.
Natürlich muss man unserem Architekten keine Hilfestellung geben, er hat sein Leben trotz Behinderung gut gemeistert und wenn er Hilfe braucht, kann er sich diese finanziell auch leisten. Aber wer hilft unserem Obdachlosen? Das kann nur die Gesellschaft selbst, indem sie aufhört, in Randgruppen zu denken. Am Ende ist nämlich die Gesellschaft selbst die größte Randgruppe, weil sie andere aus ihrem Kreis ausschließt und sich damit von allen anderen isoliert.

Hier kommt ihr zu den Beiträgen meiner Mitstreiter:

Und wer nach diesem Post etwas für den guten Zweck tun möchte, dem sei die Kampagne One Warm Winter ans Herz gelegt :-)

Kommentare:

  1. Sehr schön geschrieben, saubere Arbeit und dafür Bestnote: 1+

    AntwortenLöschen
  2. Mir hat das Beispiel außerordentlich gut gefallen, 1.

    AntwortenLöschen
  3. Wieder ein Post, der mit Wikizitat beginnt :( Die Idee mit den Beispielen gefällt mir, aber hinkt leider in der Umsetzung: Das erste Beispiel hat eher mit Pech, als mit Glück zu tun. Glück ist es bestimmt nicht, sich durch Abi, Studium und Karriere zu kämpfen.
    Pech und die Gesellschaft haben beide auch nichts damit zu tun, sich nicht im Griff zu haben und immer weiter abzurutschen. Deine Schlussfolgerung passt auch nicht: Wenn er etwas ändern wollte, würde die Gesellschaft ihm sofort unter die Arme greifen. Er müsste nur zum nächsten Jobcenter gehen und Hartz4 beantragen. Dann hätte er nicht nur sofort Geld für Essen, sondern auch bald eine Wohnung und die Möglichkeit, wieder einen Job zu finden. Einfach ist das bestimmt nicht und vermutlich kann er sich weder Bayreuth, noch Wacken leisten - aber Dein Vorwurf an die Gesellschaft ist schlichtweg falsch.

    Erster Teil nicht so gut, Idee gut, Umsetzung nicht so gut, aber mal etwas anderes als viele andere Batteler: 2+

    AntwortenLöschen
  4. Ich finde es auch sehr gut geschrieben und gebe dir eine 1-
    Wir dürften uns wohl einig sein dass die Gesellschaft Obdachlose noch eher zu Randgruppen macht als Menschen mit Behinderung.
    Ich bin mir nur nicht sicher ob es wirklich so viele Obdachlose geben muss, oder ob viele der Menschen sich einfach komplett aufgegeben haben und keine Kraft oder Lust mehr haben zu kämpfen, denn unser Staat (über den so viele Motzen) ist immerhin so sozial dass bei weitem nicht so viele auf der Straße leben müssten wie sich es tatsächlich tun. Ich war selber auch schon mal auf Hilfe angewiesen und fand es alles andere als Lustig, aber es liegt an mir (und meiner Familie) ob ich wieder auf die Beine komme, oder ob ich mich gänzlich aufgebe.
    Das trifft sicher nicht auf alle zu denen es so geht, aber ich kenne aus meinem näheren Umfeld einige die lieber darüber meckern wie schlecht der Staat sie behandelt anstatt ihr Leben selber in die Hand zu nehmen und zumindest zu versuchen etwas gegen ihre Lage zu unternehmen und dass sind dann die mit denen ich nicht wirklich Mitleid haben kann.
    Da dieses Thema für mich sehr kontrovers ist habe ich mich für das - hinter der 1 entschieden. Dein Schreibstil hingegen ist wirklich erstklassig.

    AntwortenLöschen
  5. Sehr toller Beitrag vor allem mit dem Beispiel. 1 +

    AntwortenLöschen
  6. Sehr gut geschrieben, doch stimme ich hier PAL und LAP zu, dass man mit Willen wenigstens ein bisschen erreichen kann.

    Bekommst eine 1- (und bist bis jetzt, als vorletzt gelesener Post an der Spitze)

    Gruß vons Schaf

    AntwortenLöschen
  7. Interessanter Beitrag und auch interessante Kommentare. Ich denke so (oder so ähnlich) hat sich das unser Dark Lord vorgestellt als er das Battle startete :)

    Note 1

    AntwortenLöschen